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Jahrestagung der HL7 Anwendergruppe Österreich

Am 21.3.2012 fand unter dem Titel “Intelligente Nutzung von Gesundheitsdaten” die Jahrestagung der HL7 Anwendergruppe Österreich statt. Den 12 Vorträgen lauschten ca. 80 interessierte Teilnehmer. Ungewöhnlich der Veranstaltungsort, ein umgebauter Weinkeller, der leider weder WLAN noch irgendein Handysignal nach außen und nach innen lies. Gut für die Vortragenden, schlecht um mit zu twittern, doch bei so hochkomplexen Fachthemen wie der HL7 kann man die Sinnhaftigkeit des Twitterns sicher diskutieren (Zielgruppe, Komplexität).

Doch nun zum Bericht:

“I have a dream” so titelte Susanne Herbek, Ihres Zeichens GF der ELGA GmbH. gleich zu Beginn ihren Vortrag. ELGA was ist es, was macht es und jede Menge schon bekannter Fakten. „Was wünscht sich der Patient?“ – Eine gute Frage, die Peter Haas, Prof. der FH Dortmund im anschließenden Vortrag einleitend stellte und versuchte zu beantworten:

  • Wieder gesund zu werden
  • Optimal und sicher versorgt sein
  • gute Kooperation zwischen seinen Behandlern – untereinander und auch mit ihm
  • Unterstützung im Krankheitsmanagement

Aber auch Behandler haben Wünsche, die er wie folgt anführte:

  • gebrauchstaugliche Lösungen
  • optimale Unterstützung der Arbeit
  • keinen zusätzlichen Overhead
  • Entlastung
  • Rechtssicherheit
  • geklärte haftungsrechtliche Fragen

Die elektronische Gesundheitsakte sei an sich ein „passives elektronisches Element“ und er stellte die Frage ob man nicht schon heute über zusätzliche Funktionalitäten wie Patiententagebuch, Erinnerungssystem, Monitoring nachdenken sollte –  „Warum soll eine Akte keine sms verschicken können?“ Zu bedenken sei allerdings den digital Divide in der Bevölkerung, auch wenn das in der IT alles gar nicht so komplex sei wie immer dargestellt würde. Eine reine Aktenfunktionalität erfülle weder Versprechungen noch Erwartungen und  die vielfältigen Aspekte von Patienten und Behandlern seien zu berücksichtigen, so sein Fazit.

Werner Hackl, UMIT, Institut für Medizinische Informatik, wartete mit einem Praxisbeispiel auf – der Möglichkeit der Sekundärnutzung von Pflegedaten und zitierte einleitend aus einem Paper:

Der Verbreitungsgrad elektronischer Dokumentation steigt im klinischen Bereich ständig an. z.B. Patientenmanagementsysteme sind zu 91% im Einsatz während  aber die Pflegedokumentation nur zu 67%  vorhanden ist (Zahlen für Deutschland: Patientenmanagementsysteme zu 90%, Pflegedokumentation zu 27%)

Hübner et. al. BMC Med Inform Decis Mak 2010; 10:8 (pdf)

Patientensicherheit und ungenutzte Datenrepositorien waren genug Motivation ein Projekt an der TILAK durchzuführen. Aktuelle Schwierigkeiten seine proprietäre Standards, der Umstieg von Papier auf elektronische Dokumentation würde meist 1:1 umgesetzt und auch dem Pflegepersonal sei der Sinn der Dokumentation zu wenig kommuniziert – es würde meist als zusätzlicher Aufwand gesehen.

Am Beispiel TILAK – Nursing Data Mart Teilprojekt 1 zeigte er Auswertemöglichkeiten aus horizontaler Sicht (Patienten- & Fallbasiert ) als auch aus vertikaler Sicht (Patienten-übergreifend) mit hohem Zukunftspotential.

Jozef Aerts, Lektor an der Fachhochschule Joanneum Graz, ließ mit dem Vortrag „ CDISC Standards und Integration von medizinischer Dokumentation und Forschung“aufhorchen. Fachspezifischen Einblicke in IT Standards sind das eine, die aktuelle Arbeitssituation eines Prüfarztes ein anders. Bildlich gesprochen : Es sei wie im Mittelalter – HIS/KIS und EDC mit Copy.Paste zu bearbeiten sei immer noch Alltag, wie einst Mönche Bücher händisch kopiert haben. Eben zu viele Standards, die miteinander nicht kompatibel seien. Aber durchaus mit einem positiven Fazit: Es wäre schon möglich, die Standards kompatibel zu machen.

Klaus-Peter Adlassnig, Medexter und  Zentrum für Medizinische Statistik, Informatik und Intelligente Systeme der Medizinische Universität Wien, referierte über die Möglichkeiten einer IT unterstützten klinischen Entscheidungshilfe mit Hilfe des Arden Syntax und HL7. Das vorhandene Wissen aus Datenbanken (Literatur) soll so aufbereitet werden, dass Ärzte für einzelne Patienten leichter zu einer Entscheidung in Diagnose und Behandlung kommen können.

Bei Bernd Blobel, PhD, FACMI, FACHI, HL7 Fellow, Associate Professor Uni Regensburg, ging es um „Quo Vadis Interoperability – Erzwungene Gleichheit oder intelligent vermittelte Verschiedenheit“. In verteilten Umgebungen, verschiedene Teams zusammenzubringen sei nicht immer einfach und führe zu Anpassungsunterschieden – aber auch zwei HL7 die dann nicht miteinander kommunizieren könnten. Sein Fazit:

  • Interoperabilität erfordert fachliche, insbesondere aber soziale Kompetenz.
  • Sie kann nicht von den Geschäftsprozessen und –interessen isoliert werden.
  • Interoperabilität zwischen menschlichen Akteuren muss auf der natürlichen Sprache basieren, dabei kulturelle und sprachliche Grenzen überwindend.
  • Die Informationstechnologie hat in den verschiedenen Phasen ihrer Entwicklung von der Rechentechnik/Datenverarbeitung bis hin zur modernen IT die Nutzer zu primitiven Konstrukten „zurückgezwungen“ und nähert sich nun langsam wieder der reichen menschlichen Denk-, Ausdrucks- und Verfahrensweise.“

Jürgen Brandstätter, IHE Pharmacy co-chair, CodeWerk Software Services and Development GmbH,  zeigte in einem „notbest“ Practice Beispiel wie Projektansätze auch scheitern können, indem sie zu einfach gedacht wurden und wie man dadurch auf bessere Ansätze gebracht wird. Daher war dieser Vortrag ein „just in work“ Vortrag. Eben: “Medication Documentation – A structured genealogy of the way into chaos “. Für Interessenten gibt es jede Menge Links zu Wikis und .docs.

Gesundheitspolitische Chancen durch bessere Daten versprach Victoria Höß, Ass. Dr. an der UMIT und verstärkte die Aussage, es gebe zu viele Datenfriedhöfe und die größten Herausforderungen für gesundheitsrelevante Wissenschaft seinen Datenverfügbarkeit und Datenqualität. Mögliche Einsatzgebiete solcher Langzeitforschung, wenn Daten vorhanden wären, wäre auch die gesundheitspolitische Steuerung zu unterstützen.

Beate Hartinger-Klein, Hartinger-Consulting GmbH, referierte über  Chancen und Gefahren der Telematik in der Medizin und stellte die Telemedizin als verbindendes Element zwischen Patient, Kostenträger und Klinik dar.

Christoph Rinner, Arbeitsgruppe Medizinische Informations- und Medizinische Auswertesysteme Medizinische Universität Wien, referierte über „Detailed Clinical Models in der elektronischen Gesundheitsakte – potentielle Anwendungsszenarien in ELGA.

Alexander Mense und Stefan Sabutsch waren im Dialog zu „Sekundärnutzung von Gesundheitsdaten Standards und internationale Ansätze“ wo es nochmals um Zusammenfassende Fakten und Visionen zum Thema HL7 ging.

Abschließend eröffnete  Karl P. Pfeiffer, FH JOANNEUM dem Publikum neue Welten in der Zukunft mit dem Titel „Was wäre wen MAN will?“ z.B wenn man ELGA schon hätte.  und zerpflückte in einigen Beispielen (selbst angemerkt als Nicht-Jurist) das Rechtsgutachten zu ELGA mit z.B. „was sind „lebenswichtige“ Interessen?“ Wieder vom Patienten ausgehend entwarf er mit Health 2.0, Ehealth, Apps und ein bisschen Kommunikation ein mögliches Zukunftsszenario und taufte schlussendlich ELGA in PEGA  – Persönlicher Gesundheitsakte um. Erwähnenswert auch, dass er, womöglich erstmals in Österreich, die Studie von Lucien Engelen über die Nutzung von sozialen Medien durch Spitäler in ganz Europa gezeigt hat. Hier der Link zum Blog: http://hospitalseu.wordpress.com/

Mein Kommentar:

Die sehr tiefen Einblicke in die IT Architektur und Standards und die oft weit davon entfernten Anwenderszenarien zeigen auf wo viele der Schwierigkeiten in der Umsetzung von IT Projekten liegen: In der Kommunikation, basierend auf den unterschiedlichen Denkweisen und einem nicht zu unterschätzendem komplexen Umfeld.

Ein Beispiel: Wenn ein ITler von einer Datenbankstruktur redet, meint er z.b. zusammenhängenden Tabellen, Abfragen etc. Wenn ein Anwender von Struktur redet, könnte er z.B. vom Layout oder der Anordnung der Felder im Formular reden. Hier braucht es meiner Meinung nach noch viele Schnittstellenkommunikatoren, die eine konstruktive Arbeit ermöglichen, denn sonst bleibt IT, so wie Haas es auf einer Folie benannte, ein „passives dummes Instrument“ und geht an der alltäglichen Realität vorbei, und schlimmer noch, wird nur als zusätzlicher Aufwand gesehen und so wenig wie möglich verwendet – und das womöglich zum Unwohl der Patienten.

Wer mehr Infos zum Thema braucht und in die Tiefen der IT einsteigen will, der sei auf die Website der HL7 Anwendergruppe Österreich verwiesen: HL7.at

Eine Anmerkung zu Twitter gibts noch: Natürlich ist das Thema sehr spezialisiert und man würde nicht vermuten, dass auf Twitter solche Themen diskutiert werden – zumindest nicht im deutschsprachigen Raum. Es lohnt sich allerdings trotzdem nach den Hashtags #hitsm  #hl7  #healthit oder #ehealth zu suchen. Für Nichtwitterer: einfach einen Hashtag in die Twittersuche eingeben und staunen 😉  – Twittersuche

Twittersuche mit #hl7 vorausgefüllt

(Fotocredit: www.hl7.at)

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